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Kommission für bayerische Landesgeschichte

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Beratungs- und Forschungsstelle Immaterielles Kulturerbe Bayern am Institut für Volkskunde

 

 

Seit dem Jahr 2003 stellt die UNESCO immaterielle kulturelle Ausdrucksformen in den Fokus der Öffentlichkeit. Überall auf der Welt sollen überliefertes Wissen und Können sowie Alltagskulturen als Immaterielles Kulturerbe sichtbar gemacht, erhalten und gefördert werden. Die Bundesrepublik Deutschland ist dem UNESCO-Übereinkommen zum Schutz des Immateriellen Kulturerbes 2013 beigetreten. Zur innerstaatlichen Umsetzung gehört es, ein Bundesweites Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes einzurichten. Ferner entstehen Verzeichnisse in den Ländern, darunter ein eigenes Bayerisches Landesverzeichnis.

Für die Durchführung des Bewerbungsverfahrens in Bayern war von 2013 bis 2018 das Bayerische Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst zuständig, seit 2019 ist das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und für Heimat verantwortlich. Auf dessen Internetseite sind alle bisher erfolgten Aufnahmen in die Verzeichnisse Bayerns und Deutschlands sowie wichtige Informationen zur Antragstellung einschließlich der Bewerbungsunterlagen zu finden. Anhand von mehreren Beispielen aus dem Bayerischen Landesverzeichnis beschreibt ein Beitrag in der Zeitschrift Schönere Heimat das Verfahren selbst und vielfältige Aspekte und Implikationen von Bewerbung und Nominierung.

Die Beratungsstelle für Antragsteller*innen ist 2017 im Institut für Volkskunde eingerichtet worden.

Beratungs- und Forschungsstelle Immaterielles Kulturerbe Bayern

Dr. Helmut Groschwitz

Tel. 089 – 51 55 61 44

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Die UNESCO-Konvention sieht die Dokumentation des immateriellen Kulturerbes und eine entsprechende Begleitforschung vor. Dieser Aufgabe stellt sich das Institut für Volkskunde. In Verbindung mit der Beratungsstelle geht es darum, Konzepte zur intensiven und systematischen wissenschaftlichen Erfassung und Erforschung des immateriellen Kulturerbes in Bayern zu erarbeiten und entsprechende Forschungen durchzuführen. Ein Thema sind dabei auch die Veränderungsprozesse, die eine Aufnahme in die Verzeichnisse initiieren kann.

 

 

Aktuelle Projekte zum „Immateriellen Kulturerbe Bayern“

Projekt: „Immaterielles Kulturerbe Bayern“. Eine digitale Ausstellung immaterieller kultureller Ausdrucksformen

Projekt: „Immaterielles Kulturerbe Bayern“ SICHTBAR machen

 

 

Interdisziplinäre Tagung, 30. Januar bis 1. Februar 2019

„Kulturerbe als kulturelle Praxis – Kulturerbe in der Beratungspraxis“

Kulturerbe hat nicht nur als Thema wissenschaftlicher Diskurse Konjunktur, sondern auch in Form verschiedener kulturpolitischer Programme und Konzepte. Die Konventionen der UNESCO, die Programme zum Europäischen Kulturerbe oder die Strukturen des Denkmalschutzes markieren das große politische und zivilgesellschaftliche Interesse an der zeitgenössischen Aneignung von „Kulturerbe“. Mit dem Beitritt Luxemburgs (2006), der Schweiz (2008), Österreichs (2009) und Deutschlands (2013) zum 2003 von der UNESCO verabschiedeten „Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes“ verstärkte sich diese Entwicklung in den deutschsprachigen Ländern und rückt seitdem performative kulturelle Ausdrucksformen stärker in den Fokus.

Seit den Vorbereitungen für das UNESCO-Übereinkommen sowie den ersten Beitritten gibt es eine intensive und kritische Auseinandersetzung in den volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Fächern über die Konzepte, Strukturen und Paradoxien des „Kulturerbes“. Das betrifft u.a. den Einfluss des Bewerbungs- und Auszeichnungsverfahrens auf Praktiken des immateriellen Kulturerbes, die politischen Instrumentalisierungen und Kommodifizierungen bis hin zu den Ambivalenzen des Identitätsbegriffs, einschließlich der zu beobachtenden Rückkehr wissenschaftlich überholter Konzepte von „Volkskultur“ und mythologisch unterlegten Kontinuitätsvorstellungen. Diskutiert werden auch komplexe Aushandlungsprozesse in Bezug auf Contested Heritage u.a. mit tierethischen, postkolonialen und migrations- bzw. genderpolitischen Ausrichtungen.

Diese kritischen Reflexionen stehen dabei partiell im Kontrast zu Interpretationen und Selbstverständnissen über ihre Praktiken bei denjenigen, die die kulturellen Ausdrucksformen ausüben. Der Weg zum begehrten Titel „Immaterielles Kulturerbe“ im Rahmen des Umsetzungsverfahrens des UNESCO-Übereinkommens führt zudem über ein Bewerbungsverfahren, das den Antragstellenden eine intensive Selbstreflexion abverlangt. Die Bewerbung stellt eine deutliche Hürde dar, weswegen, in Erweiterung zu dem in Deutschland angestrebten „Bottom-up“-Verfahren, zahlreiche Mittelspersonen und Institutionen in den Prozess involviert sind: Verbände und Vereine, Museen und Landesstellen, Beratungsstellen und Agenturen.

Das Feld des Immateriellen Kulturerbes erlaubt jenseits aller Kritik für die kulturwissenschaftlichen Disziplinen auch einen neuen vermittelnden Zugang im Diskursfeld „Kulturerbe“, es erfordert und bietet die Möglichkeit für Übersetzungsleistungen, Wissensvermittlungen und Bewusstseinsbildungen sowie Vernetzungen zwischen den verschiedenen Akteuren. Insbesondere für die Schnittstellen von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft eröffnen sich für alle Seiten gewinnbringende Kooperationen. Die Tagung richtete sich an alle, die mit Fragen der Umsetzung des Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes sowie mit Kulturerbe-Beratung allgemein betraut sind bzw. sich kulturpolitisch oder akademisch damit auseinandersetzen. Im Vorfeld der vierten Bewerbungsrunde in Deutschland im Jahr 2019 bot sich hier die Möglichkeit, Erfahrungen und Erkenntnisse zu reflektieren und gemeinsam Konzepte für die Beratungspraxis mit ihren Ambivalenzen und Potentialen zu diskutieren.