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Nurhak Polat

Umkämpfte Wege der Reproduktion. Kinderwunschökonomien, Aktivismus und sozialer Wandel in der Türkei

(VerKörperungen/MatteRealities – Perspektiven empirischer Wissenschaftsforschung 24), Bielefeld 2018, transcript, 332 Seiten mit 9 Abbildungen, meist farbig, ISBN 978-3-8376-4324-4
Rezensiert von Sebastian Mohr
In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde
Erschienen am 04.09.2020

Wenn Kinder mit Hilfe von Reproduktionsmedizin gezeugt werden, dann gibt dies in der Öffentlichkeit oftmals Anlass zur Diskussion. Bei diesen Diskussionen steht dabei häufig ein Zweifel an der sogenannten Natürlichkeit der Zeugung im Mittelpunkt: Ist es eigentlich natürlich, auf diesem Weg Kinder zu bekommen? Oder ist dies nicht ein direkter Eingriff in die menschliche Natur? Verbunden mit diesen Fragen sind aber auch Verhandlungen über die Moralität und soziale Legitimität von Reproduktionsmedizin: Sollte eine Gesellschaft die Zeugung von Kindern mit Hilfe von künstlicher Befruchtung überhaupt dulden oder gar fördern? Sollten nicht etwa Grenzen bei der Anwendung gesetzt werden? Diese und ähnliche Fragen zeigen auf, wie sehr (Bio)Medizin auf soziale Akzeptanz angewiesen ist, um als Institution überhaupt wirksam sein zu können. Je weniger Anerkennung (Bio)Medizin als verantwortungsvolle Institution innerhalb einer Gesellschaft genießt, desto geringer die Chance, dass (bio)medizinische Behandlungen genutzt und durchgeführt werden. Doch trotz dieser anhaltenden (und manche würden argumentieren auch notwendigen) Problematisierung von (Bio)Medizin in der Öffentlichkeit, ist die Zeugung von Kindern mit Hilfe von reproduktionsmedizinischen Behandlungen eine Normalität geworden. Jedes Jahr werden allein in Europa circa 150 000 Kinder nach erfolgreicher Behandlung geboren [1]. Weltweit schätzt man die Anzahl von Menschen, die seit 1978 mit Hilfe von In-vitro-Fertilisation auf die Welt gekommen sind, auf etwa 8 Millionen [2].

Wie sieht diese Normalisierung aber eigentlich aus und wie geht sie vor sich? Wann wird Reproduktionsmedizin zu einem gelebten Alltag und was macht das mit den Menschen, die diesen Alltag leben? Diesen und verwandten Fragen widmet sich Nurhak Polat in ihrer Ethnografie „Umkämpfte Wege der Reproduktion: Kinderwunschökonomien, Aktivismus und sozialer Wandel in der Türkei“. Zwischen 2008 und 2013 untersuchte sie in ihrer Feldforschung, wie der „biomedizinische Kontext [von Reproduktionsmedizin] mit dem Alltag“ (12) von heterosexuellen Paaren in der Türkei verbunden wird. Situiert innerhalb von Diskussionen der Medizinanthropologie und Wissenschafts- und Technologiestudien (STS) über Biosozialität und Biomedikalisierung, Reproduktion und Reproduktionstechnologien, Patient_innenaktivismus und (bio)medizinischer Wissensproduktion, verbindet Polat ein vielfältiges ethnografisches Material. Sie erkundet, „wie sich die Menschen in dem umkämpften Feld der Reproduktionsmedizin bewegen und dieses zum Teil mitgestalten, indem sie sich als biosoziale Subjekte neu orientieren“ (13). Polat unternahm dazu teilnehmende Beobachtung in drei Privatkliniken in Istanbul, interviewte Ärzt_innen und medizinische Expert_innen sowie auch heterosexuelle Paare, die Erfahrungen mit In-vitro-Fertilisation hatten, und folgte einer Patientenvereinigung (sowohl on- als auch offline), die Menschen bei ihren Bemühungen, Kinder mit Hilfe von Reproduktionsmedizin zu bekommen, unterstützt.

Polats Ethnografie ist in sechs thematische Kapitel unterteilt, wird von einer Einleitung und einem abschließenden Kapitel eingerahmt und lehnt sich im Aufbau als auch im literarischen Stil stark an einem Dissertationsmanuskript an, auf welchem das Buch aufbaut. Im ersten Kapitel „Kontextualisierungen des Wandels“ legt Polat ihren „Ansatz einer Ethnografie der Schnittfelder“ (25) dar. Dazu verdeutlicht sie, welche Kontextualisierungen notwendig sind, um die Rolle und Bedeutung von Reproduktionstechnologien in der Türkei zu verstehen, nämlich eine Kontextualisierung im nationalstaatlich-regulativen und normativen Rahmen der Türkei einerseits sowie auch im biografischen Kontext der Nutzer_innen von Reproduktionsmedizin andererseits. Gleichzeitig situiert Polat ihre Forschung im ersten Kapitel theoretisch und methodologisch in Diskussionen in der Medizinanthropologie und in den STS.

Das zweite Kapitel „Choreografierte Verschränkungen“ ist das erste von insgesamt fünf empirisch-analytischen Kapiteln. Im Fokus steht hier die Frage, wie bei der praktischen Arbeit in Fertilitätskliniken in Istanbul „das Soziale vom Technischen, das Körperliche vom Materiellen, das Natürliche vom Künstlichen getrennt, aber auch erneut verbunden werden“ (75). Dabei wird deutlich, dass die Legitimierung und Normalisierung von Reproduktionsmedizin in der Türkei auf der Aufrechterhaltung einer cis- und heteronormativen Reproduktionsnorm beruht, denn nur solange Reproduktionsmedizin zu deren Erhalt beiträgt, ist sie akzeptabel.

Im dritten Kapitel „Kinderwunschwege“ untersucht Polat eingehend die Erzählungen und Narrative der von ihr interviewten heterosexuellen Paare. Hier arbeitet sie heraus, wie sich die Selbstverständnisse von Frauen und Männern verändern, wenn sie in den biomedizinischen Kontext von Reproduktionsmedizin eintreten. Das Kapitel schildert eindrucksvoll die Schicksale von Patient_innen, macht aber auch deutlich, dass diese Schicksale in Eigenermächtigungen übergehen und umgewandelt werden, denn die Paare finden neue Gemeinschaften und Erfahrungsräume, die zu Entstigmatisierung oder Enttabuisierung ihrer Lebenslagen beitragen. Gleichzeitig geht dies aber sowohl mit einer „Verstärkung der neoliberalen Imperative und Diskurse“ (156) einher als auch mit der Reproduktion einer cis- und heteronormativen Selbstverständlichkeit.

Kapitel vier „Technologien des Geschlechts“ widmet sich den Aushandlungen von Männlichkeiten, welche in der Konfrontation mit und Nutzung von Reproduktionsmedizin in der Türkei stattfinden. Polat argumentiert, dass durch die Nutzung von Reproduktionstechnologien neue Männlichkeiten ihre Form finden. Diese werden tradierten Mustern von Mann-Sein in der Türkei entgegengestellt und werden von Männern teilweise sogar aktiv eingesetzt, um Kritik an traditionellen Verständnissen von Männlichkeit zu üben. Dennoch macht das von Polat analysierte Material in diesem Kapitel aber auch deutlich, dass – kritisch betrachtet – diese sogenannten neuen Männlichkeiten ihrerseits zur Aufrechterhaltung patriarchaler Geschlechterverhältnisse beitragen durch die Biopolitisierung von männlicher Selbstverantwortlichkeit. Wenn Männer durch die Nutzung von Reproduktionstechnologien heteronormative Reproduktion als ihre persönliche Verantwortung erkennen und wahrzunehmen lernen, so geht dies höchstwahrscheinlich auch mit einer Re-Inszenierung tradierter cis- und heteronormativer Männlichkeit einher.

Das fünfte empirisch-analytische Kapitel „Communities mitgeteilter Erfahrungen“ widmet sich dezidiert dem Zusammenspiel von online oder digitalem Reproduktionsaktivismus und den Selbstverständnissen derjenigen, die Teil dieser aktivistischen Welt sind, online und offline. In diesem Kapitel wird deutlich, welche Bedeutung digitale Netzwerke für die sozialen Lebenswelten von Frauen und Männern haben, die mit Kinderlosigkeit kämpfen. Durch die digitalen Gemeinschaften, wie Polat sie untersucht, werden Individuen mehr oder weniger im Sinne einer Reproduktionsnorm sozialisiert. Der Wunsch nach einem Kind wird in diesen digitalen Gemeinschaften kaum kritisch hinterfragt und führt so letztlich auch dazu, dass Paare diesen Wunsch verfolgen, ungeachtet der vielen potentiellen negativen sozialen und psychologischen Auswirkungen. Polats Analyse macht aber auch deutlich, dass der digitale Raum vor allem auch für Frauen eine Art von Eigenermächtigung mit sich bringen kann, denn es sind vor allem Frauen, die durch diese Netzwerke Rat und Hilfe finden.

Im letzten Kapitel „Verschiebungen und Symbiosen“ widmet sich Polat den Verknüpfungen von nationalstaatlicher Reproduktionspolitik, privatwirtschaftlichen Interessen und zivilgesellschaftlichem Aktivismus im Feld der Reproduktionsmedizin in der Türkei. Mit einem analytischen Interesse daran, wie diese unterschiedlichen Akteure und Dimensionen zusammenwirken, argumentiert die Autorin, dass in und durch dieses Zusammenwirken „eine neuartige bio-politische Relationalität von Staat und Gesellschaft, Subjekten und […] Gruppen wie Kollektiven“ (247) entsteht. Diese neue Relationalität zeichnet sich durch gegenseitige Abhängigkeiten von Staat, Biomedizin und Aktivismus aus. Wohingegen der Staat die rechtliche Absicherung und finanzielle Unterstützung von Reproduktionsmedizin garantiert, tragen Biomediziner_innen und Nutzer_innen von Reproduktionstechnologien dazu bei, dass der türkische Staat als patriarchale und cis- und heteronormative Wirklichkeit bestehen bleibt, oder, wie es Polat selbst formuliert, die Nutzung von In-vitro-Fertilisation „ermöglicht eine biosoziale Teilhabe in der normativen Gesellschaftsordnung“ (254).

Nurhak Polats Ethnografie reiht sich damit in eine lange Tradition von (vor allem feministischen) Medizinanthropolog_innen ein, die sich dem Themenfeld Reproduktion, Reproduktionstechnologien, Verwandtschaft und Geschlecht in den letzten fast vier Jahrzehnten gewidmet haben. Selbst wenn die teilweise sehr komplexe sprachliche Gestaltung von Polats Ethnografie dem lesenden Publikum viel abverlangt, so ist dieses Buch nichtsdestotrotz ein wichtiger Beitrag für alle diejenigen, die ein Interesse daran haben zu verstehen, wie Biomedizin, Staatlichkeit, Aktivismus und Geschlecht zusammenspielen. Was diese Ethnografie auf eindrucksvolle Art und Weise zeigt, ist nämlich das Vermögen von Reproduktionstechnologien tradierte Normen herauszufordern und gleichzeitig zu deren Erhalt beizutragen. Reproduktionstechnologien sind nicht nur bedeutsam, weil sie neues Leben schaffen und unsere Vorstellung von Reproduktion herausfordern. Reproduktionstechnologien sind auch und vor allem bedeutsam, weil sie bestimmte (normative) Formen von Sozialität, Gesellschaft und Kultur (re)produzieren. Dies macht Polats Ethnografie unmissverständlich deutlich. Gleichzeitig hätte aber eine Fokussierung auf Widerstandsnarrative gegen die dominierende Reproduktionsnorm sowie eine theoretisch und empirisch detaillierte Darstellung der Herstellung biosozialer und geschlechtlicher Normalität im Zeitalter von Reproduktionsmedizin diesen wichtigen Beitrag umso deutlicher gemacht.

Anmerkungen

[1] Carlos Calhaz-Jorge u. a.: Assisted reproductive technology in Europe, 2013: results generated from European registers by ESHRE. In: Human Reproduction Vol. 32, Issue 10 (2017), S. 1957–1973.

[1] ESHRE [European Society of Human Reproduction and Embryology]: More than 8 million babies born from IVF since the worldʼs first in 1978. In: ScienceDaily vom 3.8.2018, www.sciencedaily.com/releases/2018/07/180703084127.htm [4.10.2019].