Logo der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Kommission für bayerische Landesgeschichte

Menu

Aktuelle Rezensionen

Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde

Klaus Struve/Michael Schimek (Hgg.)

Tür auf – Licht an! Leuchten und Türbeschläge 1900-1960. Begleitbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Museumsdorf Cloppenburg – Niedersächsisches Freilichtmuseum vom 6.11.2016-31.3.2017

(Materialien & Studien zur Volkskultur und Alltagsgeschichte Niedersachsens 46), Cloppenburg 2016, Museumsdorf, 171 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, meist farbig
Rezensiert von Petra Serly
Erschienen am 07.08.2018

Der vorliegende Begleitband zur Ausstellung präsentiert auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Kombination von Objekten: historische Türbeschläge und Leuchten. Beides kann aber im größeren Kontext sowohl dem Bereich der Haustechnik als auch dem des Wohnens zugeordnet werden. Die gezeigten Stücke stammen überwiegend aus der Sammlung „Zweck & Form“, die der Mitherausgeber Klaus Struve in fast fünf Jahrzehnten aufgebaut hat, und die unter anderem aus Leuchten, Lichtschaltern, Türbeschlägen und Türdrückern besteht und schwerpunktmäßig den Zeitraum von 1900 bis 1960 umfasst. Von Struve stammt auch die Idee zur Ausstellung von Beleuchtungskörpern und Türbeschlägen. Die Technik des modernen Alltags in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird hier gezeigt, sowohl im privaten als im beruflichen Bereich. Mit der Verbreitung der Elektrizität gewann das elektrische Licht große Bedeutung, was sich auch in der Ästhetik und Funktionalität der Leuchten ausdrückt. Seit dem frühen 20. Jahrhundert ist die Entwicklung von qualitativ hochwertigen, zeitgemäßen Formen zu beobachten, gestaltet von bekannten Designern wie Walter Gropius oder Wilhelm Wagenfeld, um nur zwei Namen zu nennen. Viele der Entwürfe und Modelle sind im Lauf der Zeit aus der Mode gekommen, nur wenige klassische Designs haben die Jahre überdauert und werden noch immer produziert.

Der Ausstellungsband gliedert sich in vier Teile. Nach einleitenden Gedanken zum Bewahren von Kulturgut von Klaus Struve gibt Michael Schimek in „Türen, Fenster, Ziegel“ zum Auftakt einen Überblick über die Verwendung historischer Bauteile in heutigen Bauten. Hinter der Wiederverwendung gebrauchter Materialien für den Hausbau oder die Restaurierung stehen sowohl der Umwelt- als auch der Kulturgut-Schutzgedanke, und der Markt für diese Teile wächst aufgrund steigender Nachfrage. Für Käufer ist nicht zuletzt auch die Individualität der historischen Stücke ein wichtiger Aspekt.

Der nächste Abschnitt befasst sich mit der Entwurfs- und Produktionsgeschichte von Türen und Türgarnituren. Die Aufsätze, auch die der nächsten Kapitel, stammen mehrheitlich von Klaus Struve. Er beschreibt darin Haus- und Zimmertüren sowie Türdrücker, auf deren künstlerische Gestaltung viel Wert gelegt wurde und die Ausdruck von Bau- und Wohnkultur ihrer Zeit waren.

Rainer W. Leonhardt erzählt die Geschichte der Bronzegießerei Loevy in Berlin. Die 1855 gegründete Firma entwickelte sich sehr gut, der Besitzer wurde Anfang des 20. Jahrhunderts Mitglied des Deutschen Werkbundes und stattete in Zusammenarbeit mit Architekten zahlreiche Bauten mit Bronzewaren aus. Nach dem Ersten Weltkrieg änderten sich die Formen der hergestellten Beschläge unter dem Einfluss von Bauhaus-Konstrukteuren in Richtung Neue Sachlichkeit. Ab dem Jahr 1936 wurde die bis dahin erfolgreiche jüdische Firma in ihrer Geschäftstätigkeit durch die Nationalsozialisten stark eingeschränkt und 1939 geschlossen.

Im dritten Teil der Veröffentlichung geht es um die Entwurfs- und Produktionsgeschichte von Leuchten und Leuchtkörpern. Zunächst berichtet Klaus Struve, wie die zunehmende Verbreitung des elektrischen Lichts die Produktion und die Entwürfe von Leuchten und Leuchtkörpern beeinflusst hat.

Es folgt, zusammen mit Anja Specht, ein Beitrag über spezielle Arbeitsplatzbeleuchtungen, wie die Midgard-Lenklampen von Curt Fischer, die durch hohe Beweglichkeit und Verstellmöglichkeiten für blendfreies Licht sorgten. Eine Ausführung zur industriellen Massenproduktion von Deckenleuchten, sogenannten Luzetten, ein Leuchtensystem des Elektrokonzerns Siemens & Schuckert, sowie ein Bericht über die Zusammenarbeit von Bauhaus-Künstlern mit der Leuchtenfabrik Körting & Mathiesen (Leipzig) bei Entwürfen von Schreibtischlampen runden das Kapitel ab (Klaus Struve).

Den Abschluss bildet ein Interview von Michael Schimek mit Klaus Struve zu seiner Sammlung „Zweck & Form“. Schon während seines Studiums für Bauwesen begann er mit dem Sammeln von Bugholzmöbeln, die er fachgerecht restaurierte, als weitere Sammelgebiete kamen Leuchttechnik und Türbeschläge hinzu. Der Schwerpunkt liegt dabei in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts mit Entwürfen vom Bauhaus bzw. im Stil des Neuen Bauens in den 20er Jahren. Neben dem Wiederherstellen der Funktion und der Originalität wurden die Objekte auch umfassend dokumentiert, was den besonderen Wert der Kollektion ausmacht.

Ziel der Restaurierung ist es, die Stücke wieder dauerhaft benutzen zu können, damit ihre „Gestaltung und Schönheit weiter wahrgenommen werden kann“ (101). Es geht dem passionierten Sammler um das Bewahren von Kulturgütern, nicht von Kunst im engeren Sinne, sondern um Gegenstände des täglichen Bedarfs seit den Anfängen maschineller Massenproduktion. Dahinter standen Einrichtungen wie der Deutsche Werkbund oder das Bauhaus mit der Forderung nach einer modernen Gestaltung der Dinge. Die Entwürfe vereinten Zweckmäßigkeit und Ästhetik bei gleichzeitig hoher Qualität.

Ein ausführlicher Katalogteil mit begleitenden Texten von Klaus Struve schließt sich an, in dem anhand zahlreicher Abbildungen Türgarnituren, Lichtschalter und Leuchten aus der Zeit des Historismus über die Gründerzeit bis zur Klassischen Moderne vorgestellt und beschrieben werden und darüber hinaus die Geschichte ihrer Herkunft erzählt wird. Die Entwicklungsgeschichte der Objekte macht das Bestreben nach der perfekten Form und Funktion für die industrielle Massenproduktion deutlich.

Ein eigenes Kapitel ist der Biographie der Konstrukteure und Künstler gewidmet – von Adolf Behne bis Otto Wagner –, die für die Entstehung der Entwürfe maßgeblich waren.

Insgesamt ein gelungener Ausstellungsband mit vielen Hintergrundinformationen, die das große Fachwissen des Mitherausgebers und Kurators Klaus Struve belegen und seine Bewunderung und Begeisterung für die Objekte spüren lassen. Das Thema spricht vielleicht kein breites Publikum an, aber sicherlich diejenigen, die gutes Design, verbunden mit Qualität und Nachhaltigkeit, in unserer schnelllebigen Zeit zu schätzen wissen.